G. Kock  ©  11.2011–2016
DIE SCRIPOPHILIE
IN FINNLAND

Ein Überblick über den Stand des Hobby in diesem Land. The same article in English och på svenska.

Die Produktion von Wertpapiere
Vom frühen 19. Jahrhundert bis in die 1940er Jahre wurden in Finnland Wertpapiere von höchster Qualität und Schönheit von Lithographieanstalten gedruckt. Ein billigere Methode der Aktienherstellung war der Buchdruck. Die berühmteste Lithographieanstalt in Finnland war Tilgmann, eine weitere bedeutende Druckerei war die Firma Frenckell. Die Banknoten-Druckerei, die zuvor nur Anleihen produziert hatte, begann um 1965 zum Teil auch Aktienurkunden im Stahltiefdruck herzustellen.

Tilgmann

Ab 1934 hatte Frenckell begonnen, ein patentiertes Dorsierungsfarbband (System Thörnblad) auf den Rand der Wertpapiere zu drucken, damit man schnell die verschiedenen Werte unterschieden konnte. Diese geniale Erfindung wurde bis zum Ende der Ausgabe von gedruckten Aktien beibehalten. In den letzten 130 Jahre wurden in der Regel ein Format etwa in der Größe DIN A4 verwendet, die seit den 1940er Jahren die exakte Norm für Zertifikate wurde. Die kleinste Größe eines Zertifikats ist vermutlich Viasveden Laiva (11x16 cm) und das bisher größte bekannte Format hat die Aktie der Åbo Skeppsvarv mit 33x49 cm. Auf dem rechten Rand dieser Seite sehen Sie die Entwicklung der finnischen Aktiendesign.

Eigentümerübertragungen von Aktien wurden in den Wertpapieren, die nur selten ersetzt wurden, aufgezeichnet. In den 1980er Jahren war es noch möglich, Papiere, die im späten 19. Jahrhundert ausgestellt worden waren, im Börsenhandel zu bekommen. Doch zu diesem Zeitpunkt hatten die Gesamtkosten des Austausch eines verbrauchten Kuponblatt (als Einlage im Aktienmantel) die Kosten für den Ersatz der gesamten Wertpapier bereits überschritten.

Der Handel an der Börse explodierte in den 1980er Jahren mit vielen neuen Aktienemissionen. Im Jahr 1984 trat die Polytypos Sicherheitsdruckerei zum ersten Mal auf dem Markt auf, und führt eine neue Art von DIN A4-Einzelblattaktien mit angehängten Kupons (Bild) ein, ähnlich den Anleihen und dem alten Französisch-System. Dieser Typ wird von den Sammlern nicht sehr geschätzt.

Mit der enormen Ausweitung des Handels wurde es bald unmöglich, physische Aktienurkunden zu handhaben. Von 1992 bis 2000 wurden alle börsennotierten Aktien daher in ein zentrales elektronisches System übertragen. Die allerletzte börsennotierte Papieraktie wurde im Jahr 1995 emittiert.

vanha osakekirja Helsingin Seurahuone Die Verfügbarkeit von sammelbaren Wertpapieren
Finnland gehörte von 1809 bis 1917 als autonomes Großfürstentum zum russischen Kaiserreich. Ein Vorläufer der Börse wurde 1862 gegründet. Das erste Gesetz zur Regelung von Aktiengesellschaften (in Finnland gibt es keine GmbH) wurde 1864 erlassen. Zertifikate von etwa zehn Unternehmen, die vor 1865 ausgegeben wurden, sind bekannt; die älteste ist von 1762 (die einzige aus dem 18. Jahrhundert). Die älteste in privaten Händen ist aus dem Jahre 1828 (< Siehe Abbildung!). Etwa 210 Gesellschaften haben im 19. Jahrhundert Aktien ausgestellt, die jetzt im Besitz von Sammlern sind. Solche Aktien haben in der Regel schwedisch Text, die späteren sind überwiegend zweisprachig oder nur auf finnisch.

Vor 1870 ausgestellte Aktien sind sehr selten und spätere, ausgegeben vor dem neuen AG-Gesetz von 1896, sind zum größten Teil auch nur in wenigen Exemplaren bekannt. Danach hat sich die Verfügbarkeit dann drastisch verbessert, weil die Wirtschaft des Landes sich rasch entwickelte. Man kann davon ausgehen, dass die Aktien von rund 3 100 verschiedenen Betrieben (dabei sind Papiere, die nur in Museen und Archiven vorhanden sind, ausgenommen) aller Zeiten im Sammlerkreisen bekannt sind – viel weniger als in Schweden und immer noch sehr wenig im internationalen Vergleich. Nur 3.200 Aktiengesellschaften wurden bis 1912 gegründet (1912 wurde die erste finnische Börse in Helsinke eröffnet.). Die Zahl der verfügbaren Stücke einer bestimmten Aktie ist oft gering und es gibt sehr viele Unikate. Das heutige hohe Preisniveau hat ein verstärktes Angebot von bisher unbekannten Stücken aus privaten Beständen gefördert.

Wie werden HWP gesammelt?
Auf Grund der begrenzten Anzahl der zur Verfügung stehenden Wertpapiere sind die meisten Sammler Allgemein-Sammler. Allerdings haben sich viele Sammler ausschließlich auf börsennotierte Stücke spezialisiert. Es gibt auch eine Reihe von Regionalsammlern und Sammler, die nur Aktien aus einem bestimmten Zeitraum sammeln. Das Sammeln von Aktien aus bestimmten Tätigkeitsschwerpunkten würde eventuell die Einbeziehung von ausländischen Gesellschaften erfordern, was in Finnland relativ unbeliebt ist. In Frage kämen eventuell Reedereien, Banken und Eisenbahnen.

In Finnland sind nur wenige Enthusiasten daran interessiert, verschiedene Ausgabejahre oder Werte von der gleiche Aktie zu sammeln. Gebundene und freie Aktien (für Ausländer) werden nicht differenziert. Stamm- und Vorzugsaktien (wie zum Beispiel Serie A und B) finden da schon eher das Interesse der Sammler. Eine Sammlung, bestehend aus aktien von mehr als 1.000 finnischen Gesellschaften, ist schon sehr groß. Es gibt keine Fälschungen, sondern ein paar Neushöpfungen. Zwei nicht betrügerische Reproduktionen wurden in Deutschland hergestellt.

Vaasan Puuvilla Anleihen und ausländische Aktien
Eine große Vielfalt von zurückgezahlte Schuldverschreibungen (<) sind im Markt vorhanden, die für ein paar Euro pro Stück verkauft werden. Ihre Zahl ist deswegen so groß, weil, wenn die Schuld vollständig bezahlt war, der Stamm ohne Koupons beim Eigentümer verblieb. Es gibt Anleihen vom Staat, von Hypothekenbanken und von private Betrieben, sowie Wandelanleihen und Optionsscheine. Von Interesse sind Auslandsanleihen finnischer Unternehmen. Teilscheine der kooperativen Genossenschaften sehen sich oft sehr ähnlich und sind deshalb von geringerem Interesse.

Ausländische Aktien, vor allem amerikanische und deutsche, werden immer häufiger billig auf dem Markt für Historische Wertpapiere angeboten, stoßen aber nur auf ein begrenztes Interesse. Kein fremdes Land ist beliebter als andere – es ist das Zertifikat als solches, das verlockend sein kann – obwohl das benachbarten Schweden von einigen Sammlern nebenbei mitgesammelt wird. Papiere von weltbekannte Konzerne würden vielleicht Käufern anziehen, stehen aber in der Regel nicht zur Verfügung. Ausländische Unternehmen mit finnischem Hintergrund sind begehrt.

Was für Papiere sind vorhanden?
Ausgestellte Zertifikate, ob entwertet oder nicht, sind die am meisten gesuchten Papiere. Der Aktionär können die Unternehmen darum bitten, ihre im Firmenarchiv tatsächlich noch vorhandenen Aktien zurück zu bekommen, ungültig gestempelt oder gestanzt. Nur wenige Eigentümer haben bisher diesen Schritt getan. Manchmal wurden Wertpapiere verlegt und sind ungültig, aber unentwertet, wenn sie gefunden werden. Diese Stücke sind jetzt sehr beliebt. Gelegentlich Gegenstände wurden von Archiven freigegeben worden.

Ein großer Teil der in Sammlungen vorhandenen Papiere sind von in Konkurs gegangenen oder anderweitig aufgelösten Betrieben, sie sind meistens ohne Entwertung. Musterexemplare (Specimen) von Druckereien und ungebrauchte Blankettexemplare der Unternehmen sind sehr häufig. Sie sind von geringerem Wert, sind aber vielfach die einzige Möglichkeit, bestimmte Aktien zu erhalten.

leimamerkki Inhaberaktien wurden in Finnland nur selten ausgegeben. Die ältesten Papiere lauten noch auf russischen Rubel. Die Markka war von 1862 bis 1962 in Gebrauch und die neue Markka (100:1) von 1963 bis 2001. Heute ist die Währung Euro. Von 1916 bis 1966 mussten die Papiere mit Steuermarken (<) versehen werden. Erläuterung der roten 1946-Marke.

Der finnische Katalog
Der erste Katalog (seit 2006) aller bekannten Aktien in den Händen von Sammlern ist im Internet  h i e r  ständig aktualisiert und kostenfrei verfügbar. Er wird von Sammlern gepflegt. Beachten Sie, dass "Osakeyhtiö", "Oy" und "Ab" (alle bedeuten "A.G.") bei der alphabetischen Erfassung nicht berücksichtigt wurden. "Helsingissä" bedeutet lediglich "in Helsinki". Ein Anhang mit zusätzlichen Informationen zu den Unternehmen (auf finnisch) ist verlinkt, und es gibt auch eine Liste nach Tätigkeitsbereichen. Im Jahr 2008 erschien ein gedruckter Katalog von einem Händler.

Preise und wie wir kaufen und verkaufen
In den 1980er Jahren zahlten überoptimistische Menschen unbekümmert hohe Preise für interessante Sammlerstücke, so auch für historische Wertpapiere. In den nächsten zehn Jahren sanken die Preise und der Sammlermarkt schrumpfte. In dieser Zeit gelang es einem deutschen Sammler günstig die bis dahin größte Sammlung finnischer Zertifikate zusammenzutragen, die inzwischen aber nach Finnland verkauft wurde. In den folgenden Jahren stiegen die Nachfrage und die Preise zumindest wieder auf ihr Vor-Depressions-Niveau. Die Gründung eines Vereins der Wertpapiersammler im Jahr 2007 führte zu einem regelrechten Boom und in wenigen Jahren verdreifachten sich die Preise in etwa. Für einige Zeit sahen wir Anzeichen für eine Überhitzung des Marktes.

Die universellen Kriterien für die Bewertung von historischen Wertpapiere gelten auch in Finnland. Ein gewöhnliches Zertifikat kostet typischerweise 15 bis 25 Euro. Wenn der Preis mehr als 100 Euro ist, kann es als teuer eingestuft werden. Der höchste Preis in Finnland liegt – von Ausnahmen abgesehen – bei etwa 900 Euro, gezalt zum Beispiel im November 2011 für eine Aktie der Kägelban Ab (Zusammenfassung auf englisch).

osakekirja Talous-Osakekauppa Den wichtigsten Markt für historische Wertpapiere (gleichermaßen für den Kauf und für den Verkauf) findet man online unter huuto.net (eine lokale Website, ähnlich eBay). Es gibt kein Aufgeld für Käufer bei huuto.net. Darüber hinaus gibt es mehrere andere Auktionen (sowohl Präsenz- als auch Online-Auktionen, einschließlich numismatische Auktionen), sowie einige Ephemera-Onlineshops, die historische Wertpapiere zu Festpreisen verkaufen. Die Online-Shops wurde vor weniger als zehn Jahren aktiv; das erste Fachgeschäft startete im Jahr 2004.

Es gibt keine HWP-Basare, aber der Sammlerverein bietet effiziente und kostenlose Hilfe bei seinen Auktionen für alle, die finnische Belege kaufen oder verkaufen wollen. Der Verein erhebt kein Aufgeld. Natürlich gibt es auch private Käufer.

Die Sammler und ihr Verein
Die erste Scripophily-Sammler begannen in den späten 1970er Jahren ihre Sammlungen aufzubauen. Im Jahr 1980 veröffentlichte Erkki Borg, ein Numismatik-Händler, ein Buch mit, unter anderem, Bilder von alten Aktien. Im Jahr 1986 startete der Sammler Pekka Kantanen einen inoffiziellen Auktions-Klub. Er funktioniert aber nicht mehr als zwei Jahre. Im Jahr 1988 schrieben Kantanen und Kari J. Sillanpää Osakekirjat kertovat, ein Prachtwerk mit dreisprachigen Texten, darunter Englisch. Das Buch ist noch leicht zu beschaffen (gebraucht).

Die Klub-Auktionskataloge der 1980er Jahre hatten mehr als 100 Abonnenten, aber die meisten von ihnen waren keine wahren Scripophilisten. Während der ökonomisch schwierigen Zeit der 1990er Jahre reduzierte sich die Anzahl der echten Sammler auf vielleicht noch ein Dutzend. Während dieser wurden in Finnland gerade gedruckte Aktien abgeschafft. Seit den 1990er Jahren hat das Interesse langsam wieder zugenommen. Heute hat der Verein rund 50 Mitglieder, das sind nahezu alle aktiven Sammler in Finnland.

Am 1. August 2007 wurde der Sammler-Verein für Historische Wertpapiere, Osakekirjakeräilijät ry (OKK), formell gegründet mit Pekka Kantanen als Initiator und Vorsitzendem. Er ist ein gemeinnütziger eingetragener Verein und Mitglied des Finnischen Numismatischen Verbandes. Die OKK-Aktivitäten umfassen monatlichen Online-Auktionen, die für die Öffentlichkeit zugänglich sind, eine Website, verschiedenen Treffen, Beratung in Bezug auf das Hobby und seine Verbreitung, und auch Wohlfahrtspflege. Die meisten der Auktions-Verkäufer sind Mitglieder, aber jeder kann Lose zum Verkauf einzureichen. Es gibt keinen anderen Verein.

Turku numismatic bourse 2011 Shows/Ausstellungen sind selten, wurden aber haben schon vom Verein oder von Messe-Veranstaltern arrangiert. Numismatische Vereine veranstalten regelmäßig eigene Basare und der OKK nutzt die Gelegenheit, zweimal im Jahr mit einem eigenen Tisch an solchen Veranstaltungen teilnehmen, hauptsächlich, um Öffentlichkeitsarbeit zu betreiben.

Sammeln historischen Aktienurkunden ist ein wachsendes Hobby in Finnland.


Mehr Unternehmensgeschichte-Informationen (auf dieser Website, auf finnisch)
Suomalaisia Arvopapereita Oy (einschl. Bensow), ein früher Equity-Fonds.
Korvausosakkeiden Hallintoyhteisö, obligatorischer Regierungs-Betrieb 1945.
Deutsch Unternehmen in Finnland beschlagnahmt von der Sowjetunion 1944.
Bibliographie der Firmengeschichte-Bücher.
Fakten über alle ehemalige Börsennunternehmen (Linkliste am Ende der Seite).
Liste der verschiedenen Unternehmensgeschichte-Artikel auf dieser Website.
Alle Aktiengesellschaften gegründet in Finnland vor 1913.
Artikel über einzelne finnische Betriebe (auf finnisch):
Seurahuone 1828Kägelbanbolaget 1860Privatbanken (PDF),  EmissiooniyhtiöHelsingin MakasiiniHelsingin Raitiotie ja OmnibusVaasan Puuvilla Anleihe 1871.
Artikel über einzelne ausländische Betriebe (auf ENGLISCH):
Borgå Ångfartygs Ab (Finland),  Järnvägs Ab Fredrikshamn (Finland); Companhia de Moçambique,  Mines de Balia-Karaïdin (Türkei),  Mines d'Or de Kilo-Moto (Belgisch-Kongo),  Banque Industrielle de Chine (Paris),  La España Industrial (Spanien).
 

www.porssitieto.fi/osake/scripophilie.html